Leseprobe Teil 1

Der Geschichtengarten

In meinem Garten
leben Geschichten.

Sie hocken
in Maulwurflöchern,
kleben an Bäumen und
liegen zusammengefaltet
auf Gänseblümchen.

Ich gehe über den Rasen,
pflücke sie von Grashalmen,
fange sie von den Bienenflügeln
und lasse sie mit dem Regen
auf mich niederprasseln.

Im Winter
taue ich Schneekristalle
mit meinen Händen auf
und finde sie
in ihrem Inneren.

Im Sommer
verstecken sie sich
im Samen der Sonnenblumen
und manchmal –
in einer Brombeere.

 

Emilia


... zu Hause in meinem Garten, links hinter dem Frühbeet, mit grünen Jeans, die ursprünglich einmal blau waren, aber dann die Farbe des Rasens angenommen haben. Kein Wunder, Emilia schlägt Purzelbäume, wühlt im Gras herum, zerzaust stramm gewachsene Gänseblümchen und plättet Grashalme, die sich nur ächzend und stöhnend wieder aufrichten können.
Also links hinter dem Frühbeet ist Emilias Revier. Hier, wo der ururalte Birnbaum steht, den ihre Ururgroßmutter gepflanzt hat und der nun sein Gnadenbrot bekommt, denn essen kann man seine Birnen schon lange nicht mehr, so steinhart sind sie.
Zwischen dem Frühbeet und dem Birnbaum ist ausreichend Platz für ein kleines Mädchen, so könnte man meinen, aber das meint Emilia so gar nicht. Sie weitet ihn aus bis zum alten Sandkasten, in dem ihr Opa früher gespielt und fleißig gebaut hat.
Vom Sandkasten bis zur Krüppelkiefer ist es noch ein ordentliches Stück und von dort bis zu den Johannisbeeren, da muss man schon ein paar Schritte laufen. Geht man den Weg mit den alten Steinplatten, der mitten durch den Garten führt, kommt man morgens mit trockenen Schuhen bis zum Apfelbaum. In diesem Frühjahr will er gar nicht so recht blühen, es ist ihm wohl bisher zu kalt.
Rechts neben diesem Baum ist eine große Wiesenfläche, freigegeben zum Spielen, aber da will Emilia gar nicht hin, sie erforscht gerne das Stückchen Land zwischen Apfelbaum, Spielwiese, Gartengerätehaus und dem Nachbarsgarten. Hier ist es verbotenes Gelände, denn wer weiß, welches Getier und welche Nesseln sich hier verstecken.
„Wie unheimlich!“, sagt Emilia oft und schüttelt sich ein bisschen, bevor sie mit kurzen, vorsichtigen Schritten hinter den Schuppen geht. Wieder heraus kommt sie mit Spinnweben im Haar und Tausendfüßlern am Hosenbein.

 

Emilia und der Untermieter der Beetrosen

Mit dem Frühling kommt auch Emilia in meinen Garten. So war es auch an einem klaren, kalten Aprilmorgen. Emilia war von ihrer Mutter gebracht worden, damit ich auf sie aufpasste, denn die Mama hatte keine Zeit. Die kleine Maus lief gleich in den Garten, warm eingepackt mit einer dicken Strickjacke. Sie umarmte die großen Lebensbäume, klopfte dem alten Birnbaum, den ihre Ururgroßmutter noch gepflanzt hatte, freundlich an die Rinde, munterte die Tulpensprösslinge auf, die gar nicht recht blühen wollten bei diesem kalten Frühling, und jagte hinter einer Hummel her. Schließlich blieb sie atemlos bei dem Beet stehen, das ich im vergangen Herbst neu angelegt hatte. „Diadem“ hießen die Beetrosen, die hier zum ersten Mal blühen sollten. Rosa sollten sie blühen, denn das war Emilias Lieblingsfarbe.
Meine Enkelin blieb also vor diesem Beet stehen und schaute sich die kleinen Triebe der Rosenneulinge an. Da rief sie mich plötzlich:
„Oma, du hast hier ein Stück Erde sehr schlecht geharkt und nicht mit Mulch bedeckt!“
Ihr Ton war sehr vorwurfsvoll und so ließ ich den Waffelteig stehen, den ich gerade rührte, und ging zu ihr in den Garten.
„Schau her, hier ist ein richtiges Loch!“
Ich folgte Emilias Zeigefinger und sah es: Ein Loch, ein richtiges, großes, gewühltes Loch. Nein, da hatte ich nichts vergessen, das war ich gar nicht gewesen.
„Psst!“, sagte ich zu ihr. „Da wohnt jemand!“
Mit großen Augen ließ sich meine kleine Enkelin auf die Knie fallen, um das Loch genauer sehen zu können, ja, sie beugte sich soweit herunter, dass ihre kleine Nase fast hinein ragte.
„Aua!“, hörte ich sie sagen. Sie stand auf und wischte sich Gartenerde von dem Näschen ab.
„Eine Unverschämtheit!“, hörte ich noch jemanden sagen, und ich schwöre euch, es war ein kleiner Maulwurf, aufrecht in dem Loch stehend, die kleinen Hände energisch in die Seiten gestützt.
„Eine richtige Unverschämtheit, mir in mein Schlafzimmer zu gucken. Macht man denn so etwas? Machst du so etwas auch bei den Menschen?“
Emilia weinte, nicht nur wegen der Vorwürfe des unterirdischen Bewohners meines Rosenbeetes, sondern auch, weil ihr ein wenig Schmutz in die Augen geraten war.
Schließlich murmelte sie eine Entschuldigung, strich mit ihren Händen den Eingang der Maulwurfshöhle glatt und hielt dem Besitzer ihren kleinen Finger hin. Der hatte ein wenig Mühe, ihn zu ergreifen, denn Maulwürfe sind nicht sonderlich groß, nahm ihn dann in beide Vorderpfoten und schüttelte ihn kräftig.
„Vergeben und vergessen!“, murmelte er und entschwand in sein Reich, ein wenig Erde aufwirbelnd.
Emilia und ich gingen ins Haus und ich backte die Waffeln fertig. Gegen Abend, als es schon dunkel war, schlich sich das Mädchen noch einmal in den Garten mit einem kleinen Teller aus ihrer Puppenküche, auf den sie ein Waffelherz gelegt hatte, und stellte ihn vor den Eingang der Maulwurfswohnung.
In dieser Nacht hörte man ein leises Schmatzen aus meinem Garten.

Emilia und das vierblättrige Kleeblatt

An einem Mittag im Mai kam Emilia direkt aus dem Kindergarten zu mir an den Schreibtisch gestürmt, als ich gerade eine Geschichte über sie schrieb.
„Oma, sieh mal, was ich gemalt habe!“, forderte sie mich auf und ich blickte auf ein Blatt Papier, auf dem nur ein einziges kleines Kleeblatt zu sehen war.
„Warum hast du denn das Kleeblatt so klein gemalt?“, wollte ich wissen.
„Na hör mal, Oma“, sagte sie, „Kleeblätter sind doch so klein!“, und schüttelte ein wenig den Kopf.
„Dein Kleeblatt hat vier Blätter, Emilia, so eines findet man selten.“
Ich hatte nachgezählt.
„Ich habe mal eines gefunden, ein paar Tage bevor dein Onkel Kai geboren wurde.“
Emilia wurde nachdenklich:
„Onkel Kai ist schon lange tot. Weißt du was, Oma? Ich suche noch ein Kleeblatt mit vier Blättern, das bringe ich ihm dann und lege es auf sein Grab. Meinst du, er freut sich darüber?“
Das meinte ich wohl, und meine kleine Enkelin lief in den Garten, und ich sah, wie sie sich auf die Knie hockte und das Gras absuchte.
„Alarm, Alarm, Alarm. Alle Kleeblätter mit vier Blättern sofort untertauchen, ab in den Erdboden mit euch!“
Der große, dicke, gelbe Löwenzahn rief mit lauter Stimme und alle Kleeblätter mit vier Blättern zogen erschrocken ihre Köpfchen ein und ließen sich in der lockeren Erde ganz nach unten fallen, so dass man sie nicht mehr sehen konnte.
„Alpha-Alarm!“, tönte es weiter über die Wiese, doch so leise, dass Emilia es nicht hören konnte, aber alle Gänseblümchen, Grashalme, Sommerblumen und Kleeblätter waren alarmiert. Die großen Sommerblumen halfen den ganz kleinen Kleeblättern, die noch nicht so gut rechnen konnten, ihre Blätter zu zählen. Bei Drei atmeten sie auf, bei Vier verschwanden sie schwupps im Boden. Die anderen, die mit den drei Blättern, reckten sich und stellten ihre Blätter gerade, um die Versteckten noch mehr zu schützen.
Emilia suchte und suchte, richtete sich schließlich auf, wischte sich etwas Schweiß aus der Stirn und kam zu mir in mein Arbeitszimmer, wo ich – ihr wisst schon – eine Geschichte über sie schrieb.
„Oma, ich habe kein einziges vierblättriges Kleeblatt gefunden“, sie sah ganz traurig aus.
„Alarm over, Alarm over!“, der große, dicke, gelbe Löwenzahn gab Entwarnung, und es ging ein Aufatmen über und durch die Wiese. Die Gänseblümchen lachten wieder, die Sommerblumen halfen den Kleeblättern mit den vier Blättern wieder nach oben an die Erdoberfläche und die Grashalme spielten wieder mit dem Wind.
Wir beide aber, Emilia und ich, gingen in ein Blumengeschäft, kauften einen Blumentopf voll mit vierblättrigem Klee und mein kleines Mädchen stellte ihn dem toten Onkel auf das Grab.
Sie blühten bis in den Herbst hinein und ich weiß auch, wer dafür gesorgt hatte.

 

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Buchinfos

  • Titel: Emilia 1
  • Autor: Angelika Pauly
  • Innenillustration: Gaby Hylla
  • ISBN:
  • Genre: Roman, Erzählung
  • Umfang: 112 Seiten
  • Format: A5, Hardcover
  • Empfohlenes Alter: ab 10 Jahre
  • Preis (Print): 13,90 Euro
  • Verfügbar (Printbuch): shop.carow-verlag.de