Leseprobe Teil 2

Gartenkämpfe

Es war an einem der ersten Frühlingstage in meinem Garten. Die Sonne lachte nur so vom Himmel, und mir wurde warm bei der ersten Gartenarbeit. So zog ich meine Jacke aus, hängte sie über den Buchsbaumbusch und arbeitete seufzend und schwitzend weiter, schnitt alte Sommerblumen und Farne ab, jagte vom letzten Herbst übrig gebliebenes Unkraut und räumte den Rasen auf, auf dem die Überreste eines Kampfes lagen.
„Was ist denn hier passiert, Oma?“, rief Emilia, die in meinen Garten gestürmt kam. Die Mama hatte sie gebracht.
„Hier haben sich wohl Vögel gestritten“, meinte ich. „Oder vielleicht gab es auch einen Kampf mit einer Katze.“
Wir schauten uns den Ort genauer an. Zwischen zwei Rosenstöcken lag ein Vogelnest und darum herum abgerissene Zweige eines Lebensbaumes. Weitere Zweige lagen sogar noch ein paar Meter entfernt auf der Wiese vor der großen Mauer.
Emilia kniete vor dem Nest nieder und nahm es in die Hand. Es sah ganz unversehrt aus.
„Ob da wohl kleine Vögel drin waren? Was meinst du, was passiert ist, Oma?“, fragte sie.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich, „aber vielleicht waren da tatsächlich Vogelkinder drin, und eine Katze hat Jagd auf sie gemacht, als ihre Mutter ausgeflogen war, um nach Futter zu suchen.“
Das Nest war sehr kunstvoll aus kleinen Zweigen gebaut worden, ausgepolstert mit einem weißen Flaum, der wie Watte aussah.
„Die Vogelkinder hatten es hier sicher sehr gemütlich“, sagte meine kleine Enkelin und schaute dann nach oben. „Wo sind sie wohl jetzt? Meinst du, die Katze hat sie etwa gefressen?“
Ich sah eine kleine Träne in ihren Augen und wurde auch sehr traurig.
„Ach, das glaube ich nicht“, sagte ich, um Emilia zu trösten. „Sicher hat die Vogelmutter sie gerettet und an einen anderen Ort gebracht.“
Wieder schaute Emilia zu den Lebensbäumen hoch, und ehe ich etwas sagen konnte, zog sie ihre Jacke aus, nahm das Nest zwischen die Zähne und kletterte den Baumstamm des rechten Baumes hoch. Kurz darauf war sie im Dickicht der Zweige verschwunden. Nach ein paar Minuten hörte ich sie von oben rufen:
 „So, nun hat die Vogelmutter ihr Nest wieder. Ich habe es zwischen die kleinen Äste eines großen Zweiges geschoben. Du, Oma, hier sind noch mehr Nester mit ganz vielen kleinen Vögeln darin. Ich glaube, sie halten mich für ihre Mutter, denn sie sperren ihre Schnäbel auf und wollen gefüttert werden. Hast du einen Wurm für mich?“
Nein, einen Wurm hatte ich nicht, aber etwas Angst um Emilia, und so rief ich sie herunter, ging mit ihr ins Haus, und wir kochten eine leckere Frühlingssuppe.

 

Die unachtsame Emilia

„Oma, wem gehören die Steine?“, fragte mich Emilia eines Tages, als wir durch den Garten gingen.
„Ich glaube, die stammen noch von deinem Urgroßvater. Wenn ich mich recht erinnere, blieben sie übrig, als er das Fundament für die Garteneisenbahn gebaut hat“, antwortete ich.
„Darf ich sie haben?“, wollte sie noch wissen, wartete meine Antwort aber gar nicht ab, sondern versuchte schon, einen der Backsteine aufzuheben. Ein Tausendfüßler und zwei Kellerasseln, die es sich seit Jahren darunter gemütlich eingerichtet hatten, ergriffen schnell die Flucht.
„Was willst du denn damit machen?“, wollte ich wissen, bekam aber von dem kleinen Mädchen keine Antwort mehr. Emilia schaffte mehrere von den alten Ziegelsteinen zum Sandkasten, keine einfache Sache für ein Kindergartenkind. Sie keuchte und schwitzte. Ich beschloss sie in Ruhe arbeiten zu lassen und ging ins Haus, um Waffeln zu backen. Nach einer Stunde, als süßer Waffelduft durch das Haus zog, rief ich meine Enkelin herauf. Emilia liebte Waffeln, besonders wenn ich sie wie heute mit heißen Kirschen und Sahne zubereitet hatte. Sie ließ an ihrem Spielplatz alles stehen und liegen, legte den Stein, den sie gerade verbauen wollte, achtlos ins Gras und lief ins Haus. Der Tisch war gedeckt, Kakao stand schon bereit und mit großem Hunger machte sie sich über das leckere Essen her.
Ihr ging es gut.
Weniger Gutes aber spielte sich zur selben Zeit im Garten ab.
Der Stein, den Emilia mit so leichter Hand beiseite gelegt hatte, versperrte geradewegs den Wohnungseingang einer Wühlmausfamilie, die nun in höchster Not war.
„Mama, warum ist es dunkel?“, fragte der kleine Wühlmausjunge und rieb sich mit den Vorderfüßen die Augen, um besser sehen zu können.
„Hier ist es doch immer dunkel“, antwortete die Wühlmausmutter und schüttelte ein wenig ihren kleinen grauen Kopf.
„Mama, ich kann kaum noch atmen“, jammerte da die Tochter der Familie.
Ja, jetzt bemerkte es die Mutter auch, die Atemluft wurde schlechter, kein Windhauch drang mehr in die Höhle und auch kein Sonnenstrahl verirrte sich mehr hierher, wie es sonst der Fall war.
Die Mäusin beschloss nachzusehen, krabbelte durch den langen, gewundenen Gang nach oben und – fand den Ausgang verschlossen. Sie drückte und stemmte sich gegen den Stein, der da lag, rüttelte, klopfte und pochte und sah schließlich ein, dass er zu schwer war. Sie konnte ihn um keinen Millimeter zur Seite schieben.
Die Wühlmausfamilie war gefangen. Die Kinder weinten, und auch der Mutter kamen die Tränen. Doch dann sagte sie zu den Kleinen, dass alles Jammern nichts nütze und nun zu überlegen sei, was zu tun wäre.
„Graben wir uns doch nach oben“, schlug der Sohn vor. Eine gute Idee, so könnte man meinen, aber die Erde war vom vielen Regen der letzten Wochen ganz schlammig und matschig geworden. Die Wühlmäuse rutschten bei dem Versuch immer wieder in ihre Höhle zurück, über und über mit Schlamm und nasser Erde bedeckt. Hinter ihnen rutschten Schlamm und Geröll in ihr Heim und sie hockten sich eng aneinander, aßen die letzten Vorräte auf und bereiteten sich auf ihr Ende vor.
Da klopfte es von unten.
„Hallo, ist jemand zu Hause?“, der alte Maulwurf war es. Er kam vorbei, um seinen Vettern einen Besuch abzustatten.
„Ja, ja, wir sind da. Aber wir sind gefangen, unsere Höhle ist fast zusammengestürzt und der Ausgang versperrt“, riefen die Mäuse.
„Oh je, ihr Armen“, antwortete der Maulwurf. „Aber das haben wir gleich.“
Er machte sich auch sofort an die Arbeit, grub sich bis zu der kleinen Familie durch, hielt gar nicht erst an, sondern wühlte mit aller Kraft weiter den Gang hinaus bis zum Ausgang der unterirdischen Wohnung. Er sah, dass es nur ein Ziegelstein war, der das Zuhause unserer kleinen Angsthasen verschloss, und machte sich daran, kurzerhand einen neuen Ausgang knapp links daneben zu graben. Als er fertig war, rief er seine Freunde, die unsicher nach oben krabbelten, dann aber glücklich im Sonnenlicht auf der Wiese tanzten.
Der Maulwurf aber, der sonst ein Einzelgänger war, rief alle Artgenossen der Nachbargärten zu sich, und gemeinsam schafften sie den Stein zur Seite, damit die Wühlmausfamilie ihren alten gewohnten Hauseingang wieder nutzen konnte.
* * *
Emilia bekam von alledem nichts mit. Sie saß bei mir in der Küche, aß und schmatzte, erzählte und lachte und ging nach einer Stunde wieder hinunter in den Garten, um weiter zu spielen. Sie überlegte kurz, wo sie mit ihren Bauarbeiten stehen geblieben war. Ach ja, der Stein ... wo war er nur? Er war ja gar nicht mehr an seinem Platz, wo sie ihn zuletzt abgelegt hatte, als die Oma zum Essen rief. Etwa einen Meter daneben fand sie ihn im Gras. Verwundert und nachdenklich setzte sie sich auf den Sand-kastenrand. Da huschte ein winziges Wühlmauskind an ihr vorbei und verschwand im Erdreich, nicht ohne Emilia vorher mit einem Erdkrümelchen beworfen zu haben.
Das hatte sie nun davon.

 

Die Spünkelchen

Es kamen seltsame Geräusche aus dem Kühlschrank, wenn Emilia ihn öffnete, Geräusche wie Lachen, Jubeln, Rufen und Singen. Manchmal ein „Hey, aus dem Weg da!“, aber nur leise, so dass man denken konnte, man habe sich vielleicht verhört, denn kann ein Kühlschrank sprechen? Wohl nicht und so war meine kleine Enkelin auch sehr überrascht und öffnete die Tür, schloss sie wieder, öffnete sie, so dass schon weiße Kondenswolken durch die Küche schwebten.
„Hallo, wer ist denn da?“, rief sie in den Eisschrank und horchte. Da war es wieder: „Juhuu, juchie!“, und „Yippieh!“
Ich schloss die Tür und sagte zu Emilia:
„Das sind die Spünkelchen. Sie leben hier in meinem Kühlschrank und sausen den ganzen Tag mit winzigen Schlittschuhen, Skiern und Schlitten auf dem Eis hinten an der Rückwand entlang. Es macht ihnen viel Spaß, das kannst du ja hören.“
Meine Enkelin glaubte mir kein Wort, wollte es genau wissen und steckte ihren Kopf in die Kälte. Ich zog sie heraus, denn erkälten sollte sie sich ja nicht, und schloss die Tür.
„Bei Licht kann man sie nicht sehen, denn sie sind klar und durchsichtig wie Eis“, erklärte ich ihr. „Aber bei Dunkelheit leuchten sie in vielen Farben.“
„Woher weißt du das?“, wollte die Kleine von mir wissen.
„Nun, einmal war die Glühbirne der Lampe im Kühlschrank zersprungen und da sah ich die kleinen Gestalten im Dunkeln auf dem Eis hin- und herrutschen, als ich die Milch für dich holen wollte. Sie winkten mir sogar zu und juchzten besonders laut. Ich glaube, sie fühlen sich sehr wohl hier.“
„Ja, sicher, das kann ich mir gut vorstellen“, überlegte das kleine Mädchen, „denn sie haben ja auch immer genug zu essen und zu trinken. Wenn ich da allein an die Schokoladentorte denke...“, sehnsüchtig schaute Emilia auf die geschlossene Tür.
Die Sehnsucht sollte nicht lange dauern, denn am Nachmittag gab es Kakao und ein großes Stück der leckeren Torte für mein Schleckermäulchen. Wie erstaunt aber war ich, als Emilia, nachdem sie etwa die Hälfte ihres Tortenstückes verputzt hatte, meinte, sie wäre kugelrund satt und ich solle doch den Rest im Kühlschrank für sie aufheben. Am nächsten Morgen, als ich die Frühstücksmilch herausholte, sah ich einen Papierzettel an dem Kuchen kleben, der sehr angeknabbert wirkte. „Für die Spünkelchen“ stand darauf, und als ich genauer hinsah, bemerkte ich eine Schokoladenspur, die genau bis zur eisigen Rückwand führte.
Das „Juhuu, juchie und yippieh“ fiel an diesem Tag aus und du und ich wissen warum.
 

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Buchinfos

  • Titel: Emilia 1
  • Autor: Angelika Pauly
  • Innenillustration: Gaby Hylla
  • ISBN:
  • Genre: Roman, Erzählung
  • Umfang: 112 Seiten
  • Format: A5, Hardcover
  • Empfohlenes Alter: ab 10 Jahre
  • Preis (Print): 13,90 Euro
  • Verfügbar (Printbuch): shop.carow-verlag.de